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Nachfolgend dokumentieren wir die Rede von Sepp Mitterhofer vom „Südtiroler Heimatbundes“ anlässlich der Jubiläumsveranstaltung „50 Jahre Feuernacht!“.

50 Jahre Feuernacht!

Verehrte Teilnehmer der heutigen Jubiläumsveranstaltung „50 Jahre Feuernacht“!

Heute nehme ich mir aus, die politischen Häftlinge mit Frauen als Erste zu begrüßen und willkommen zu heißen, weiters begrüße ich die Bundesleitungen des Südtiroler, Nordtiroler und Welschtiroler Schützenbundes sowie den Andreas Hofer-Bund Tirol, ich begrüße auch die Abgeordneten verschiedener Parteien des Südtiroler Landestages und des römischen Parlaments.

Weiters heiße ich willkommen die vielen Schützenkameraden und Landsleute aus nah und fern.

Ich stehe heute nicht als Obmann des Südtiroler Heimatbundes hier, sondern vor allem als ehemaliger politischer Häftling und dann erst als Ehrenobmann des Heimatbundes. Heute sind wir Häftlinge die Ehrengäste bei dieser Gedenkfeier. Ich glaube dies mit Berechtigung sagen zu dürfen. Leider sind schon viele gestorben und viele konnten aus Altersgründen nicht mehr kommen.

Wenn wir damals vor fünfzig Jahren unter Sepp Kerschbaumers Führung nicht die Initiative ergriffen hätten, gäbe es heute keine Jubiläumsfeier. Aber es gäbe auch vieles andere nicht, denn Bewegung ist erst durch den massiven Schlag in die Verhandlungen der Südtirol-Politik gekommen. Deshalb ist sie auch als Feuernacht in die Geschichte Südtirols eingegangen.

Drehen wir die Uhr genau 50 Jahre zurück. Wir waren wohl alle etwas aufgeregt und gespannt an diesem Tag: Wird das Vorhaben gelingen? Werden wohl keine Menschen zu Schaden kommen und werden alle Beteiligten ihre gefährliche Aufgabe erfüllen? Es haben wohl einige kalte Füße bekommen, aber im Großen und Ganzen hat es geklappt. Der politische Effekt ist eingetreten, die in- und ausländische Presse schrieb vom Aufstand bis zum Bürgerkrieg.

In der Zeit vor der Feuernacht wurde von uns viel Aufbauarbeit geleistet. Die Männer für den BAS mussten im Land ja alle erst gesucht werden. Das war natürlich eine heikle Angelegenheit und brauchte viel Fingerspitzengefühl.

Sprengstoff und Waffen zur Selbstverteidigung mussten auch beschafft werden. Ich hatte das Glück, einen Sprengmeister zum Freund zu haben, so konnte ich 500 kg hochwertiges Dynamit von ihm erwerben und dem BAS zur Verfügung stellen. Der meiste Sprengstoff kam aber von Österreich und wurde von Kurt Welser und einigen freizügig gekleideten Mädchen über den Brenner geschmuggelt. Auch Frau Dr. Herlinde Molling und ihr Mann haben viel Sprengstoff hereingeschmuggelt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich ihnen und all jenen Nordtirolern ein aufrichtiges Vergelt’s Gott sagen, welche in der Herz Jesu-Nacht und auch hinterher mitgeholfen haben, eben diese Nacht zu dem zu machen, was sie dann geworden ist.

Wenn man zurückdenkt und das soll man bei so einem Anlass schon, dann ist das Leben in unserer Heimat von damals und heute ein himmelgroßer Unterschied. Das schlimmste war sicher die Arbeitslosigkeit und die Wohnungsnot. Die zugewanderten Italiener wurden überall bevorzugt, weil in den Schlüsselstellungen immer noch dieselben Faschisten saßen, wie vor dem Krieg.

Von Zweisprachigkeit in den öffentlichen Ämtern war keine Rede, man wurde einfach stehen gelassen, wenn man nicht italienisch sprach. So kam es, dass über 10.000 junge Südtiroler ins Ausland gehen mussten, um Arbeit zu finden.

Nachdem die Provinz Bozen 1948 mit Trient zusammengelegt wurde und wir Südtiroler damit in die Minderheit gerieten, konnten sie auf demokratische Art und Weise mit uns machen, was sie wollten und das haben sie weidlich ausgenützt. So konnte es einfach nicht mehr weitergehen, wir waren auf dem „Todesmarsch“, wie es Kanonikus Michael Gamper treffend ausdrückte!

Außerdem wurde auch im römischen Senat im Jänner 1961 ein Gesetz beschlossen, das vorsah, dass der italienische Staat mit einem einfachen Verwaltungsakt jedem Staatsbürger, der durch antiitalienische Tätigkeit auffällt, die Staatsbürgerschaft entziehen und ausweisen kann. Das Gesetz war direkt auf Südtiroler zugeschnitten. Gottseidank kam es nicht zum Tragen, weil die Feuernacht dazwischen kam.

Als dann 1960 der österreichische Außenminister Dr. Bruno Kreisky das Südtirolproblem vor die UNO brachte und in der Resolution Italien und Österreich aufforderte, über das Südtirolproblem zu verhandeln, diese aber zu keinem Ergebnis führte, denn die italienische Delegation sagte jedes Mal arrogant: „Das Südtirolproblem ist eine inneritalienische Angelegenheit, der Pariser Vertrag ist erfüllt, wir verhandeln nicht, sondern führen nur Gespräche“, da ist uns der Kragen geplatzt!

In Zernetz haben wir dann am 1. Juni, es war der Fronleichnamstag, die Feuernacht ausgemacht. Auch einen Flugzettel haben wir beschlossen, der eine einzige Anklage gegen den italienischen Staat war und wo als Folge des großen Unrechts – die Trennung Tirols – die Forderung nach Selbstbestimmung erhoben wurde. Auf Antrag Kerschbaumers wurde folgender Spruch von Kanonikus Michael Gamper als Abschluss in den Aufruf an die Tiroler südlich und nördlich des Brenners aufgenommen: „Wer um nicht anderes kämpft, als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!“ Dieser Flugzettel wurde an alle europäischen Politiker verschickt.

Es war eine gedämpft-optimistische Stimmung in dem Zernetzer Gastlokal, denn es war uns allen bewusst, dass diese Entscheidung eine Lawine auslösen würde, welche große positive und negative Ereignisse mit sich bringen würde. Das Ausmaß dieser Ereignisse konnten wir natürlich nicht voraussehen. Wir waren alles verantwortungsbewusste Männer und Familienväter, denen die Not unserer Landsleute am Herzen lag und wollten nicht länger mit ansehen, wie uns der italienische Staat unterjochte und an der Nase herumführte.

Wie bekannt, hat es nicht lange gedauert und das Schicksal hat bei uns politischen Häftlingen mit Verhaftung und Folterung hart zugeschlagen und unsere Familien haben wir mit in diese Tragödie hineingerissen. Aber es ist nun einmal so in einem Volkstumskampf, wie es in Südtirol seit der völkerrechtswidrigen Abtrennung vom übrigen Tirol geschehen ist: Wenn nicht Menschen da sind, die bereit sind, durch ihren aktiven Einsatz etwas Außergewöhnliches zu vollbringen und damit sind leider meistens große Opfer verbunden, dann geht nichts weiter, denn die Machtverhältnisse waren in unserem Falle einfach zu unterschiedlich.

Ich bin heute noch fest davon überzeugt, dass unser Einsatz vor 50 Jahren richtig und äußerst notwendig war. Wenn er uns auch nicht das gebracht hat, was wir uns zum Ziel gesetzt haben, nämlich die Wiedervereinigung Tirols, so ist die erreichte Autonomie doch eine brauchbare Übergangslösung geworden. Leider hat es Tote auf beiden Seiten gegeben, das ist sehr bedauerlich, aber in einem Freiheitskampf ist das kaum zu vermeiden. Unsere verstorbenen Kameraden wussten, für was sie kämpften, die Toten auf der anderen Seite wussten es nicht, sie waren das Opfer eines undemokratischen, herrschsüchtigen und minderheitenfeindlichen Staates.

Dass die Feuernacht bzw. die Anschläge etwas bewirkt haben, hat schon Silvius Magnago 1976 bei der Landesversammlung der SVP in Meran gesagt, nämlich, dass sie zum Zustandekommen des Zweiten Autonomiestatutes wesentlich beigetragen haben. Mitte der 90er Jahre hat Luis Durnwalder bei einem Empfang der politischen Häftlinge auf Schloss Tirol gesagt, dass Südtirol den Freiheitskämpfern durch den aktiven Einsatz den Wohlstand zu verdanken habe. Und der Landeshauptmann von Nordtirol Wendelin Weingartner hat 1997 in Innsbruck beim zweiten Kameradschaftstreffen gesagt, er überbringe den Dank der Landesregierung, denn ohne unseren Einsatz hätte Südtirol heute bestimmt nicht diese Autonomie und den Wohlstand.

Da kann ein Prof. Steininger noch so arrogant sein und behaupten, die Anschläge seien kontraproduktiv gewesen. Bei seinen Recherchen für sein Werk hat er es gar nicht für notwendig erachtet, Zeitzeugen zu befragen. Lediglich mit Dr. Fontana hat er 10 Minuten lang telefoniert, aber nur belangloses Zeug gesprochen. Und wenn ein gewisser Historiker uns als Kriminelle hinstellen will, so hat er wohl nie von Heimatliebe und Idealismus etwas gehört, geschweige denn gespürt. Glaubt Steurer wirklich, dass sich Familienväter in ein solches Abenteuer stürzen würden, wenn sie nicht den Untergang eines Volkes vor Augen gehabt hätten?

Abschließend richtet sich mein Blick noch ein wenig in die Zukunft. Ich bin nun über 50 Jahre in der Politik ehrenamtlich tätig und habe viel Negatives einstecken müssen. Ich habe aber auch viel Freude erlebt, bei der Zusammenarbeit mit politisch Gleichgesinnten, denen die Interessen der Heimat höher standen als das Geld.

Deshalb gebe ich unser gemeinsam gestecktes Ziel – Los von Italien durch Selbstbestimmung – nicht auf und werde weiter dafür kämpfen. Ich habe meinen verstorbenen Kameraden versprochen, mich dafür einzusetzen, solange ich die Kraft dazu habe.

Ich sehe immer klarer, dass es notwendig ist, dass wir alle zusammenstehen und für ein Ziel mit geistigen Mitteln dafür kämpfen müssen, denn die Assimilierung schreitet unaufhaltsam weiter. Viele Südtiroler nähern sich immer mehr der italienischen Mentalität.

Im Kindergarten fängt es schon an, es ist schon soweit, dass manche italienisch besser beherrschen als die Muttersprache. In einigen Jahren ist es soweit, dass wir die gemischte Schule bekommen. Der Sport ist ein weiterer gefährlicher Punkt, wo die Assimilierung stärker greift. Mit der Zweisprachigkeit und den Formularen in den öffentlichen Ämtern geht es auch wieder rückwärts. Eine weitere Gefahr sind die Ausländer, wenn sie einmal zum Wählen kommen, werden die meisten italienisch wählen, weil sie die Geschichte des Landes nicht kennen. Von den volkstumspolitisch gefährlichen Mischehen spricht ja schon niemand mehr. In der Politik haben wir Verantwortungsträger, welche für die Volkstumspolitik das Gespür verloren haben, die Macht und das Geld hat Vorrang.

Unsere viel gepriesenen Autonomie war eine brauchbare Übergangslösung, jetzt ist sie aber ausgelaugt und ist nicht mehr imstande, unsere Tiroler Kultur zu schützen! Ich bin überzeugt, wenn es so weitergeht, haben wir nach 10 Jahren keine Chance mehr, bei einer Volksabstimmung die Mehrheit zu bekommen. Dann sind die vielen Opfer der sechziger Jahre umsonst gewesen. Das darf einfach nicht sein!

Wenn wir alle zusammenhalten – und mit alle meine ich auch die stärkste Partei des Landes – dann schaffen wir es. Irgendwann werden auch die Autonomieparteien einsehen müssen, dass dieser Weg nicht geeignet ist, um unsere Sprache und Tiroler Eigenart auf die Dauer zu schützen.

Darum appelliere ich an alle Südtiroler, besonders aber an die Jugend, beherzigen wir die sinnvollen Worte des international anerkannten österreichischen Völkerrechtlers und Südtirol-Freunds Prof. Felix Ermacora: „Kein Staat der Erde kann auf die Dauer einem Volk die Selbstbestimmung vorenthalten, auch Italien Südtirol nicht. Aber wollen und fordern muss man sie!“

Sepp Mitterhofer (Frangart, 11. Juni 2011)

 
 
 

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